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Griechische Impressionen (Fortsetzung)
Die Bewohner der Peloponnes sehen seit Jahrzehnten oft keine Möglichkeit mehr, in ihrer Heimat zu bleiben, sofern es nicht Fremdenverkehr gibt. Es fehlt teilweise an Wasser, an medizinsicher Versorgung, an brauchbarer Erde, an Industrie, an Arbeitsplätzen, oder an allem zusammen. Die Götter, in antiken Zeiten Helfer in höchster Not, sind endgültig verstummt. Ihre christlichen Nachfolger taugen dem Anschein nach nur zu frommen Gebet und zur vagen Aufforderung, stets demütig zu sein. Dies sind hier ohnedies. Sie bewahren auch die Idylle, die wir gerne genießerisch bewundern, bis zur Selbstverleugnung. Manchmal beschleicht einen das Gefühl, die Menschen hier darben, damit sie uns das Abbild einer urtümlichen, charaktervollen Natur vorführen können. Nun, hinter der Idylle mit Ölbaum, Ginster und schimmerndem Meer verbirgt sich nicht selten das Elend. – Es gibt auch den Hunger, die Kälte, die mörderische Sonne, die Arbeitslosigkeit, die Hoffnungslosigkeit. Wer das verschweigt, hat noch immer nicht begriffen, dass die Peloponnes nicht nur eine Landschaft für Götter, sondern auch eine Heimstätte für Dämonen ist. Wollte mich jemand fragen, was meiner Meinung nach die intensivste, beeindruckendste, die bemerkenswerteste Landschaft der griechischen Welt sei, so würde ich antworten: Die Mani, das Land der unheimlichen Kampf- und Geschlechtertürme. Eine heldenhafte, mythische Landschaft, die eben nicht nur ihre Jahrhunderte alte Unberührtheit, sondern auch den dazu gehörigen Charakter einzubüßen im Begriffe ist, was wohl damit zusammen hängt, dass erstens die modernen Manioten nicht mehr viel von diesem klassischen Stolz haben, für den sie einmal berühmt oder zumindest berüchtigt waren, und zweitens der Fremdenverkehr verdirbt und Küste um Küste entjungfert. Stets sind und waren es dieselben Eindrücke von schöner Einfachkeit, an die ich mich zurück erinnere. Wilde Feigen- und Ölbäume, einige Johannisbrotbäume, die der hier ewig blasende Wind beugte. Kaum die Spur einer Landwirtschaft an den wenig windgeschützten Händen oberhalb des rollenden und stampfenden Meeres, und schwärzlich-braune Schweine, magere Ziegen, Schafe, und Kinder mit großen, leeren Augen. Und im Übrigen zahllose Disteln, bösartige Kakteen und unzählige Gesteine. Bis vor einigen Jahrzehnten gab es überhaupt einen einzigen, benutzbaren Maultierpfad, der von Areopolis nach Süden führte, sich dann irgendwo gabelte und sich im Geröll verlor, das von den südlichen Ausläufern des Taygetos unermüdlich herab kollert. Der Ruhm der Manioten als Seefahrer, nein, Seeräuber, ja sogar als Sklavenhändler – nicht nur als Kriegshelden - ist legendär. Man wähnt in ihnen Nachkommen der Spartaner, die – um dem Schicksal eines Kasernen- und Polizeistaates Spartas zu entgehen, diesem den Rücken kehrten, und eines Slawenstammes der sich während der Völkerwanderung vom Hauptvolk aus bis heute unerklärlichen Ursachen absplitterte. Dieser Stamm, der sein Blut noch mit Ureinwohnern und mit Albanern auffrischte, konnte von den Türken nie bezwungen werden. Auch Franken gelangten hierher, 750 Jahre nach den Slawen aber. Darum gibt es hier wider erwarten auch blondhaarige und blauäugige Kinder.
Am Eifrigsten waren die Manioten bei der Sache, wenn es galt, untereinander Krieg zu führen. Die berühmten Steintürme in den Dörfern, manche bis zu 12 m hoch und mit Schießscharten versehen, sind ein beredtes Zeugnis für diese permanente Lust am Kleinkrieg, dessen Ursache meist so lächerlich waren, dass es sich nicht lohnt, auch nur darüber nachzudenken. Die meisten dieser Türme stehen heute leer. Sie scheinen dadurch noch viel abweisender, schroffer. Manche sind zu komfortablen Ferienwohnungen umgerüstet worden, um dem Anschein von Totenhäusern zu entfleuchen.
Mit allen diesen Eindrücken reist man gerne in die hellere Argolida zurück. Durch wilde Berglandschaften, durch das fruchtbare Tal des Eurotas gelangen wir nach Sparta, was heute nicht mehr bedeutend ist. Die Felsenklöster Arkadiens (Eloni) beeindrucken in kaum beschreiblicher Weise, bevor wir nach Kynouria kommen, dem einzigen Küstenabschnitt, über den Arkadien verfügt und als einer der schönsten, landschaftlich bezauberndsten Küstenabschnitt ganz Europas gilt. Das beginnt- wie so oft im mediterranen Raum – mit der wechselhaften Färbung des Meeres, die mit den hoch aufragenden Bergkämmen und Hügelketten des berühmten Parnon und des Zeniotsagebirges kontrastiert, die aber immer auch von der Tageszeit abhängt, vom Lichteinfall der Sonne, von den anmutigen bis aufrührerischen Bewegungen des Windes… Prachtvoll der Glanz des entflammten Meeres, wenn es unter der arkadischen Mittagssonne schmilzt, während ein goldfarbener Widerschein, ein betörender Silberglanz bis an die Krümmung des Horizontes reicht. Die Bilder, die das Meer von der Küste in meine Erinnerung projiziert, stellen nicht die einzige Verzauberung dar, der ich fast anstandslos erliege. Da dehnen sich Ölbaumwälder, da kauern die ockerfarbenen Überreste eines venezianischen Kastells unter schrägem Sonnenlicht, das auch die ziegelrote Erde zum Glühen bringt. Weißwollene Schafe und schwarze, gelbäugige Ziegen traben Staub aufwirbelnd über Ginstersträucher. Dunkelgrüne Zypressen in schnurgerader Linie hangaufwärts, daneben ein paar Orangenhaine, hinter rötlichfarbenen Felswänden öffnen sich plötzlich halbmondförmige Buchten. Mittagsrast, Mittagsruhe. Das Schreien einiger Hähne, heisere, Krächzendes Geplärr einiger Esel, die mit ihren Unmut kundtun, zerreissen die mittägliche Ruhe. Das Labyrinth der engen Gassen mag diesen Eindruck noch verstärken. Es dauert Stunden, bis wieder reges Leben herrscht. Die Sonne steht schon tief über dem Meer. Die engen Gässchen und Straßen füllen sich mit wundervollen, langbärigen Poen, scheuen Kindern und stolzen Polizisten, diem mit heftigen Handbewegungen den kaum vorhandenen Verkehr regeln. Die Lebhaftigkeit täuscht. Viele Häuser verfallen…
Wir sind wieder im Land der Atriden und gehen ihren Spuren trotz unsäglicher Hitze in Mykenai nach, wo Schliemann 1882 auf eine goldene Totenmaske stieß, die er fälschlicherweise für jene von Agamemnon hielt, aber dadurch doch eine alte Geschichtswelt zu neuem Leben brachte. Die Ilias, die Odyssee, Tragödien/Komödien von Aischylos und Sophokles, das Schicksal der schönen Helena, die Liebesabenteuer und vergehen ihrer Schwester Klytaimnestra werden jedem Besucher lebendig, der die fruchtbare, grundwasserreiche, im Sommer aber flusslose Ebene der Argolis durchquert und auf den mit Oleander umsäumten Straßen zu den antiken Kultstätten findet.
Auf der Rückfahrt Stopp in Nafplion, der ersten Hauptstadt des von den Türken befreiten Griechenland. Von weitem sticht die wuchtige Anlage der Festung Palamidi auf dem Felsrücken ins Auge. 999 Stufen führen hinauf und entschädigen für den mühsamen, steilen Aufstieg. Der Hang zum Meer stürzt steil ab, wuchernde Feigen-Kakteen, ein Blick, der selbst Göttern zur Freude gereichen würde.
Fortsetzung folgt.
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